“Ich weiß nicht, wie ich entschieden hätte“

Kinopublikum diskutiert über den Film „24 Wochen“ und Spätabtreibung

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Die Diagnose einer Fehlbildung im fortgeschrittenen Stadium einer Schwangerschaft bringt schwangere Frauen in schwere Konflikte

Schifferstadt. Dieser Kinoabend wird dem Publikum lange im Gedächtnis bleiben: Der Film „24 Wochen“ und die anschließende Diskussion mit der Referentin für Schwangerschaftsberatung, Christine Lampert, vom Caritasverband für die Diözese Speyer zeigten ein Dilemma auf, das tief berührt und ratlos macht. Die Volkshochschule Rhein-Pfalz-Kreis lud am Mittwochabend zu „Kino und Kontext“ im Rex-Kino-Center Schifferstadt die Fachfrau der katholischen Schwangerschaftsberatung ein, die den Film mit Fachinformationen zum Thema Spätabtreibung ergänzte.

Die Zahlen sprechen für sich: 2016 wurden in Deutschland 737.575 Babys geboren, 99.237 Babys wurden abgetrieben, davon waren 634 Spätabtreibungen, also Schwangerschaftsabbrüche nach der 22. Woche. Welchen Konflikt das für eine schwangere Frau und den Vater des Kindes bedeuten kann, sich zu einer solchen Spätabtreibung zu entscheiden, zeigt der atmosphärisch dichte Film „24 Wochen“ der Regisseurin Anne Zohra Berrached mit unglaublich emotionaler Wucht, ohne auch nur eine Sekunde unglaubwürdig zu sein.

Astrid ist Kabarettistin und mit ihrem Manager Markus liiert. Beide haben zusammen ein Kind. Als Astrid mit ihrem zweiten Kind im sechsten Monat schwanger ist, erfährt das Paar bei einer Routineuntersuchung, dass ihr ungeborenes Kind mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) zur Welt kommen wird. Das Paar entscheidet sich zunächst dafür, das Kind zu bekommen. Nach weiteren Untersuchungen im Laufe der Schwangerschaft stellt sich heraus, dass das Kind auch einen schweren Herzfehler hat und deshalb sofort nach der Geburt eine schwierige Operation bräuchte. Die Schwere der geistigen und körperlichen Behinderung lässt sich vor der Geburt nicht genau bestimmen. Nach vielen Auseinandersetzungen und Diskussionen innerhalb und außerhalb der Familie erkennt Astrid, dass nur sie allein die Entscheidung treffen kann. Sie entscheidet sich dafür, das Kind im sechsten Monat abzutreiben.

„Ich weiß nicht, wie ich entschieden hätte. Das ist unglaublich schwer, sich diesen Konflikt vorzustellen“, sagte eine Kinobesucherin in der anschließenden Diskussion. „Der Film ist auch wertfrei, er zeigt die Not der Betroffenen, aber er trifft kein Urteil darüber, ob die Entscheidung für den Abbruch richtig oder falsch ist.“

Ein weiterer Zuschauer sagte: „Es ist wahrscheinlich so, wie die betroffene Frau im Film es sagt. Es ist zu gleichen Teilen richtig und falsch“. Er empfand die Frage als unauflösbares Dilemma. Auf ein weiteres schwer zu ertragendes Dilemma wies eine andere Besucherin hin: „Der Vater will ja das Kind bekommen. Aber die Mutter verlässt im Verlauf der Schwangerschaft der Mut. Und letztendlich muss die Frau die Entscheidung treffen, denn sie trägt das Kind in ihrem Bauch. Am Ende muss der Mann das akzeptieren, obwohl er anders entschieden hätte. Das ist schwer auszuhalten, aber unlösbar.“

Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen wurden diskutiert. Eine Frau fand die gesetzlichen Vorgaben „irgendwie unehrlich“. „Das Kriterium für einen Spätabbruch mit medizinischer Indikation ist die Frage, ob das Austragen und das Leben mit dem Kind für die Mutter zumutbar ist. Aber die Babys werden ja abgetrieben, weil die Babys krank oder behindert sind, mit der Gesundheit der Mutter hat das zunächst ja nichts zu tun“, sagte sie. Dem widersprach aber die Schwangerschaftsberaterin des Caritasverbandes: „Wenn die Frau die Belastung psychisch nicht aushält, betrifft es die Gesundheit der Mutter. Es ist richtig, dass die Frau die Möglichkeit zur Entscheidung hat“, sagte Christine Lampert. „Der Schutz des Kindes geht nur mit der Mutter, nicht gegen sie. Viele Menschen halten eine Behinderung für eine unerträgliche und  unzumutbare Katastrophe, sehen ein Leben voller Belastungen und Überforderung vor sich und fühlen sich dem nicht gewachsen. Vielleicht gibt es in diesem Zusammenhang auch unrealistische, klischeehafte Vorstellungen“.

Was der Film nicht zeigt, ist ein Problem, das in der Realität aber oft mit ein Grund für die schwierigen Konflikte ist, in die Frauen und Eltern geraten. „Viele Ärzte raten schwangeren Frauen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge zu diagnostischen Verfahren, wie Nabelschnurpunktion oder Fruchtwasseruntersuchung. Die Frauen lassen alles machen, in der Annahme, das sei gut für die Gesundheit des Kindes“, kritisierte eine Frau. „Tatsächlich wird eine Frage im Vorfeld dieser Diagnostik oft nicht gestellt, nämlich, was mache ich, wenn eine Fehlbildung oder Krankheit des Kindes  festgestellt wird? Will ich mich diesem Konflikt überhaupt aussetzen?“ Diese Kinobesucherin hatte sich während ihrer Schwangerschaft bewusst gegen eine umfangreiche Pränataldiagnostik entschieden.

Ein Besucher empfand den Film trotz aller emotionalen Wucht als versöhnlich. „Es wird ja kein Urteil gesprochen. Und man hat am Ende den Eindruck, dass das Paar es schaffen wird, auf lange Sicht mit dieser traumatischen Erfahrung umzugehen.“

Christine Lampert ergänzte den Abend noch um einige weitere Fakten. „90 Prozent der Frauen, die die Diagnose Trisomie 21 für ihr Kind bekommen, entscheiden sich für einen Abbruch.“ Dennoch habe die Regisseurin des Filmes bei ihrer Recherche zum Thema ein gewisses Paradox festgestellt. „Sie hat nach Paaren gesucht, die bereit waren, über ihre Erfahrungen mit einer Diagnose zu sprechen. Interessanterweise waren einige der Eltern, die sich für das Kind und gegen einen Abbruch entschieden hatten, bereit, darüber zu reden. Aber es fand sich nur ein einziges Paar, das bereit war, darüber zu erzählen, dass sie ihr Kind abgetrieben haben.“ Das bedeute doch einerseits, die Gesellschaft akzeptiere ein behindertes Kind großteils nicht, aber den Abbruch machen zu lassen sei dennoch ein gesellschaftliches Tabu. „Die Eltern, die das Kind bekommen haben, fühlten sich möglicherweise moralisch besser“, bemerkte Lampert.

Nach der Diskussion wies die Referentin auf einen Punkt hin, der bei aller Schwierigkeit der Spätabbrüche aber für sie doch auch dramatisch sei: „Es werden ja nach der Beratungsregelung bis zur 12. Woche fast 100 000 Schwangerschaften beendet, bei  ca. 740.000 Geburten.“ Darüber müsse man doch auch diskutieren, warum so vielen schwangeren Frauen oder Paaren heute in unserer Gesellschaft der Mut zum Kind fehle.“

Ein Interview der Tageszeitung „Die RHEINPFALZ“ mit Christine Lampert unter folgendem Link:

http://www.rheinpfalz.de/lokal/speyer/artikel/die-frauen-wollen-verantwortungsvoll-handeln/

Text: Caritasverband für die Diözese Speyer / Foto: Fotolia

Anmerkung der KathStern-Redaktion:

Hilfe statt Abtreibung

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