Vorsatz für 2017: Über aktive Sterbehilfe reden.

Claus Fussek im SWR: „Wenn wir die Pflege nicht in den Griff bekommen [Personal], müssen wir in Zukunft über aktive Sterbehilfe nachdenken.“

von  Gabriel F. M. Ruprecht

Seit Jahren ist das Thema aktive Sterbehilfe in der Öffentlichkeit präsent, aber eher ein Randthema. Dieses wird sich wohl in den nächsten Jahren massiv ändern. Blaupausen aus anderen Ländern stehen hier ja bereits zur Verfügung.

Grundsätzlich muss man sagen, dass der Umgang der Öffentlichkeit mit solchen Lebensfragen aus katholischer Sicht meist problematisch ist. Dies liegt wohl im Wesentlichen daran, dass wir in den letzten Jahren eine massive Verweltlichung in unserer Gesellschaft hatten. Damit sieht sich der Mensch nicht mehr in einem größeren Kontext und damit auch nur im Wesentlichen selbst. Gemäß der Devise: Ich bin nur mir selbst verantwortlich. Woher die Verweltlichung kommt, ist eine andere Frage. Ich sehe sie im steigenden Wohlstand, da Atheismus sehr stark mit dem Jahresgehalt korreliert (Wer keine Nöte hat, der „braucht keinen Gott“).

Diese Frage nach dem Wert des Lebens wird immer drängender werden. Was den Beginn des Lebens betrifft, ist sie schon längst im Bewusstsein. Das Kind schränkt die Möglichkeiten ein. Hier hat zwar bereits wieder ein Sinneswandel stattgefunden, dennoch steigt die Zahl der Abtreibungen im Verhältnis zur Zahl der gebärfähigen Frauen immer noch an. Selbst wenn die absoluten Zahlen sinken.

Am Ende des Lebens ist diese Frage noch nicht so präsent und drängend. Hier wird sich aber folgendes Problem noch verschärfen. Es wird der Katalysator in der ganzen Diskussion werden: Im Jahre 1960 war das Verhältnis von Arbeitnehmer zu Rentnern 6 zu 1, 1970 bereits 4 zu 1, 2005 war es 3 zu 1 und 2030 wird es 2 zu 1 sein. Die Zahlen stammen von der „Initiative neue soziale Marktwirtschaft“ und sind meines Erachtens plausibel. Dass zwei Arbeiter einen Rentner versorgen, hört sich auf den ersten Blick machbar an, aber es kommt ja noch die jüngere Generation hinzu, die ebenfalls versorgt werden will. Gegenüber 1960 wird sich die Last für die arbeitende Bevölkerung verdreifacht haben. Wenn man gleichzeitig nun die Kinderrate auf das nötige Niveau anheben will, muss man hier die Last um den Faktor 1,5 erhöhen. Wir sagen vereinfacht, dass zwei Arbeiter zwei Kinder und zwei Großeltern versorgen. Das hört sich auf den ersten Blick sehr normal an, würde aber in einer demographisch stabilen Gesellschaft bedeuten, dass jeder Mensch nur ein Drittel seines Lebens arbeitet. Wenn immer zwei Generationen arbeiten, man also zwei Drittel seines Lebens arbeitet, ergibt das nämlich nur eine halb so große Belastung. Und so sollte es sein: 4 Arbeiter vorsorgen zwei Kinder und zwei (Ur-)Großeltern. Dies veranschaulicht, wie weit wir von einer gesunden Bevölkerungszusammensetzung entfernt sind.

Kritiker werden jetzt einwenden, dass es viele Arbeitslose gibt und sowieso nicht genügend Jobs um alle einzustellen. Das stimmt so nicht. Sieht man sich die Arbeitslosen etwas genauer an, so stellt man fest, dass es sich für diese oft nicht lohnt zu arbeiten und wenn doch, sich nicht lohnt mit dieser Arbeit ein Kapital aufzubauen. Ein einfacher Arbeiter weiß, dass wenn er wenige Monate Hartz IV bezieht, sich sein angespartes Kapital sehr schnell in Luft auflöst. Wäre dies nicht so, sähe der Arbeitsmarkt wohl etwas anders aus.

Dass es zu wenig Jobs gibt stimmt ebenfalls nicht, wenn man einen Blick auf den Pflegebereich wirft. Gerade hier steigt ja durch die Überalterung die Nachfrage. Gleichzeitig gelten diese Jobs als vergleichsweise schlecht bezahlt.
Jobs gibt es also und wird es auch künftig geben. Der Arbeitsmarkt darf nur nicht mit der Arbeitslosigkeit konkurrieren und es muss natürlich auch Arbeiter geben, die den Markt ausreichend füllen.

Wer jetzt glaubt, man könne diesen Bedarf ohne Weiteres durch Migranten decken zu können, unterschätzt zum einen die kulturelle Komponente, die erforderliche Bildung und Erziehung, und vergisst zum anderen, dass diese ebenfalls Eltern haben. Wenn jemand nach Deutschland zieht, um dort zu arbeiten, muss derjenige sich assimilieren, die Kultur, Sprache und Gepflogenheiten lernen. Das geht nicht über Nacht. Solch einer wird auch nie so stark verwurzelt sein, wie jemand der dort aufgewachsen ist. Er wird das Land so schnell wieder verlassen, wie er gekommen ist, wenn es unbequem wird. Er hat dies ja schon einmal getan.

Egal wie man es dreht und wendet: Viele Alte werden von wenig Jungen versorgt werden müssen, die selbst wiederum Kinder versorgen müssen. Eigentlich eine Binsenweisheit, aber sie scheint in der breiten Masse nicht im Bewusstsein zu sein, sonst hätten wir den Schlamassel nicht (ein jiddisches Wort übrigens).

Es fällt natürlich auf, dass wir bisher das Altsein und Altwerden nur unter finanziellen Gesichtspunkten betrachtet haben. Der Grund dafür ist ganz einfach. Je säkularer eine Gesellschaft ist, desto mehr nähern sich deren Handlungsweisen  an ein streng atheistisches Weltbild an. Ich kann das zwar nicht beweisen, behaupte es aber mal. In einem streng atheistischen Weltbild bin ich nur mir selbst verantwortlich und eigentlich nicht einmal das. Wenn es keinen Gott gibt, spricht nichts dagegen den eigenen Nachbarn, ja sogar die Eltern zu erschießen. Wenn es mir irgendwie nützt, kann ich das machen. Gefühle sind schließlich nur eine Schwankung im Hormonhaushalt (ok, eigentlich etwas komplizierter). Wenn nun die Entfremdung vom Glauben weiter voranschreitet oder offensichtlicher wird (je nachdem, was man postuliert), wird sich die Gesellschaft einem solchen Weltbild annähern. Zu Anfangs wird noch mit Barmherzigkeit argumentiert werden, worauf aber im Lauf der Zeit verzichtet werden wird. Zuerst ist es „einfach am Besten für die Großeltern“, später ist es „einfach egal, das merken die ja eh nicht“.

Das Ganze ist jetzt sehr schwarzmalerisch – gebe ich zu. Aber genau deshalb müssen wir als Christen dagegen ankämpfen. Das heißt nicht, dass wir in einen sinnlosen und ziellosen Aktionismus verfallen sollen, aber wir müssen wachsam sein.

Was müssen wir als Christen demnach unternehmen? Als allererstes müssen wir uns bewusst machen, was unsere Überzeugung ist. Die Frage des Tötens ist vor allem eine Frage dessen, was der Mensch Wert ist, und die Frage, wem ich mich gegenüber verantworten muss. Der Wert des Menschen lässt sich aus christlicher Sicht nur dadurch begründen, dass er von Gott geliebt und gewollt ist. Da jeder Mensch von Gott gleichermaßen gewollt ist, ist er auch gleich viel wert. Alle anderen Modelle um den Wert zu begründen haben einen Pferdefuß und münden in eine Eugenik.. Viele Menschen lehnen diese ab und argumentieren unbewusst mit dem Naturrecht (Der Mensch kann intuitiv Gut und Böse unterscheiden). Wenn nun jeder Mensch gleich viel wert ist, ist der Hochschulprofessor, der an Krebs forscht, genauso viel wert, wie der Spastiker, der im Rollstuhl sitzt (die klassische Kartoffel nach Dr. Cox). Wer von uns kann sagen, dass er immer danach lebt? Ich kann es nicht. Vielleicht ist es deshalb ganz gut, dass ich nicht im Pflegebereich tätig bin.

Wir haben jetzt den Menschen und er ist etwas wert. Schwieriger ist die Frage, ab wann und bis wann ein Mensch ein Mensch ist. Da der Mensch von Anfang an Gott-gewollt ist, mit dem Verschmelzen von Ei und Samenzelle, ist er auch von Anfang an etwas wert. Das ist eine christliche Sichtweise und wir können es nur mit der Gott-Gewolltheit, der Heiligkeit des Lebens begründen. Nicht anders. Dessen muss man sich bewusst sein. Was ist nun aber mit einem Abgang oder einer Totgeburt. Vielleicht gibt der KKK dafür eine Handhabe (nicht Ku-Klux-Klan sondern Katechismus der katholischen Kirche). Ich weiß es nicht. Mir ist jedenfalls nichts dazu bekannt. Ein anderes Beispiel: Was ist nun mit einem Kind das ohne Gehirn (also nur mit Stammhirn) geboren wird. Ist es ein Mensch? Es ist schwierig. Es ist einer der Grenzfälle, die beweisen, dass man die Welt nicht einfach in Schwarz und Weiß einteilen kann. Diese klare Grenze, wie wir uns sie oft wünschen gibt es oft nicht. Ich kann verstehen, wenn Menschen deshalb an Gott zweifeln, aber für mich ergibt seine Existenz trotzdem immer noch mehr Sinn.

Diese Fragen nach dem Anfang wurden schon bereits in der Vergangenheit ausführlich diskutiert. Am Ende des Lebens stellt sich uns aber dieselbe Frage. Wir sind uns dessen aber nicht so bewusst. Ab wann ist ein Mensch NOCH ein Mensch. Diese Frage berührt auch die Organspende. Ein Toter kann keine Organe spenden. Höchstens an die Pathologie aber keinem anderen Menschen. Die Organe müssen einem Sterbenden (sic!) entnommen werden. Also jemanden, der noch nicht ganz tot ist, aber tot genug, dass man es für vertretbar hält. Es scheint ein völlig anderes Thema zu sein, aber die Problematik ist genau dieselbe wie bei einer Oma an der Herz-Lungen-Maschine. Das Hirn hat bei ihr (scheinbar) aus medizinischer Sicht ausgesetzt, aber der Rest lebt noch. Ist sie jetzt tot? Und wenn ja, wie tot?

Kann man nun das Überleben von Gruppe A mit einem Selbstopfer von Gruppe B begründen. Im einen Fall sind das Opfer die Organe, im anderen Fall ist es die soziale Last. Inwiefern darf der Tod von meinen Artgenossen also mein eigenes Leben nähren. Diese Frage können wir nicht nach einem einfachen Schema lösen und nicht von heute auf morgen. So komisch es klingen mag: Wir können diese Frage auch nicht ohne Gebet lösen.

Was gilt es also zu tun? Wir müssen als Christen unsere Fragen und Sichtweisen in den politischen Diskurs mit einzubringen. Und mindestens deshalb um zu zeigen, dass diese existieren. Gerade von Gegnern wird diese Existenz gerne negiert oder marginalisiert. Aber: Uns gibt es, unsere Sichtweisen gibt es und wir müssen darüber reden. Das ist jedenfalls ein guter Vorsatz für 2017.

Der Autor, Gabriel F. M. Ruprecht ist 27 Jahre alt, M. Sc. Maschinenbau und Gegner von aktiver Sterbehilfe. Im Laufe des Jahres ist angedacht mehrere Artikel zu diesem Thema zu veröffentlichen.
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