Der Gebärmutterkrebs in der Gesellschaft

Von Gabriel F. M. Ruprecht

Kürzlich erschien ein Artikel auf Bento, einem jugendlichen, hippen Ableger des altehrwürdigen, linksintellektuellen Spiegel. Interessant ist zunächst die Illustration: Das Baby auf dem Bild zum Artikel hat zwei rechte Hände; soll hier mit Absicht ein widernatürlicher Anblick und Eindruck vermittelt werden? Wir lassen es mal stehen und nehmen uns die inhaltliche Analyse vor:

Die Autorin, Julia Funk ist selbst 24 und fühlt sich einsam. Alle um sie herum bekommen Kinder. Welch ein Jammer. Dabei weiß doch jeder, dass mit der Geburt des Kindes das freie Leben endet. Habt ihr etwa schon einmal ein Pärchen mit Kinderwagen draußen gesehen oder eine Familie im Familienurlaub? Quod erat demonstrandum. Sobald die Kinder da sind, verlassen Eltern nie mehr das Haus für Spiel, Spaß und Unterhaltung.

Doch wenden wir uns dem Text zu. Die erste Kernfrage des Textes lautet: „Warum wollen Frauen (und Männer) in dieser modernen, emanzipierten Zeit schon in jungen Jahren Kinder haben?“ – Diese Frage kann ich ihr beantworten: Diese Menschen wissen, was Sie wollen und wer sie sind. Im Gegensatz zu Fräulein Funk, wie Sie selbst später erläutert.

Sie versteht nicht wie man mit Anfang 20 denn Kinder haben könne. Man kann in diesem Alter schließlich „nächtelang feiern und vergessen, den Kühlschrank aufzufüllen. Dreckige Wäsche liegen lassen. Fehler machen, sich ausprobieren. Unvernünftig viel Geld für Klamotten ausgeben […] Man kann Geld verdienen, studieren, die Welt kennenlernen.“ – Soviel zur vertretenen Sichtweise.

Variieren wir mal versuchsweise den Text geringfügig: „Wenn man 50 ist kann man öfter mal in die Oper gehen, statt selbst kochen essen gehen. Sich auch mal gehen lassen. Seine persönlichen Limits ausloten. Sich teure Anzüge oder Abendkleider leisten […] Man kann Geld verdienen, sich fortbilden, die Welt kennenlernen.“ Das funktioniert interessanterweise genauso. Was soll uns dieses Experiment sagen? Man kann zu jeder Zeit fast alles machen. Das gilt sogar für einen Marathonlauf. Das Argument zieht also nicht. Abgesehen davon kann man die meisten Sachen auch mit Kindern machen. Macht man aber nicht oder weniger (jedenfalls diejenigen, die ich kenne). Man merkt einfach, dass es das „nicht so bringt“.

Auf den Absatz welchen Lebensstil man pflegen könne (und Frau Funk wohl auch pflegt), folgt ein Lamentieren über zu wenig Mitgefühl: „Ich finde, uns Mittzwanzigern wird oft viel zu wenig Mitgefühl entgegengebracht. Klar, bin ich kein Teenager in der Findungsphase mehr, trotzdem bin ich weit davon entfernt, mein Leben richtig im Griff zu haben.“

Nun stellt sich automatisch die Frage, wer denn wem zu wenig Mitgefühl entgegenbringt. Klar, vielleicht ist die Position berechtigt, aber vermutlich eher nicht. Zum Ersten meint Frau Funk Mitgefühl für den Lebensstil ihrer Generation bekommen zu müssen. Das ist bereits ein Kardinalfehler. Wenn ich „Mitgefühl“ für meinen Lebensstil möchte, bin ich entweder nicht von meinem Lebensstil überzeugt, oder ich weiß bereits im tiefsten Inneren, dass er falsch ist. Zweitens könnte es sein, dass die Älteren entgegen anders lautenden Behauptungen sehr wohl wissen, wie es ist, in diesem Alter zu sein. Wenn diese Elterngeneration also kein Mitgefühl entgegenbringt, liegt das eventuell daran, dass diese Generation ihr Leben in diesem Alter bereits besser im Griff hatte als die aktuelle. Ich jedenfalls hätte wenig Verständnis für einen 30-jährigen Sohn ohne Abschluss, der „sich erst selbst finden möchte“. Wer das mit 30 nicht weiß, macht etwas falsch und wird es bis 100 nicht wissen, wenn er damit fortfährt.

Als weiterer Faktor kommt hinzu, dass die Erwartungshaltung ihrer Umgebung unter der die Autorin leidet, wohl eher eingebildet ist: „Lehrer erwarten gute Noten, Chefs zehn Jahre Berufserfahrung, der Staat Krankenkassenbeiträge und die Steuererklärung.“

Man muss sich doch schon krankhaft emotional abhängig gemacht haben, wenn man wirklich glaubt, einen Lehrer würden die Noten so sehr interessieren. Einen Lehrer interessieren (das behaupt ich jetzt mal) die Noten weniger als dass man halbwegs vernünftig die Schule verlässt. Bei einem Hochschullehrer ist das ganze noch extremer. Diese interessiert nicht im Geringsten, welche Noten ein Student schreibt. Die Frage ist für einen Maschinenbauprofessor zum Beispiel: Wird der Student ein guter Maschinenbauer oder nicht. Wenn Ja, Ziel erreicht, wenn Nein, möge er doch bitte durch- und rausfallen.

Nach dem Studium im Berufsleben erwarten Chefs einfach Berufserfahrung, weil es ein Kostenfaktor ist. Und wenn ich 35 bin, kann ein Chef je nach Branche zu Recht 10 Jahre Berufserfahrung erwarten. Andernfalls muss er annehmen, dass die Person ein Rumtreiber und Taugenichts ist.

Zuletzt noch die Steuererklärung: Es gibt auf Youtube und im Internet allgemein Anleitungen für jeden Unsinn von „Wie backe ich einen Kuhfladen“ bis „Einführung in die Quantenmechanik“. Selbst vor 10 Jahren gab es solche Ratgeber in Buchform. Wenn man sich dahinterklemmt, kann man durchaus damit fertig werden. Auch ohne Papa, den ich trotzdem zu Rate ziehen würde. Auf die Krankenkassenbeiträge gehe ich nicht ein. Man muss schließlich überall bezahlen, wo man eine Leistung erwartet. Schlussendlich muss man also feststellen, dass auch diese Argumente eine Luftnummer sind und die Erwartungshaltungen entweder berechtigt oder projiziert sind.

Nachdem die leidgeprüfte junge Frau nun ihre Umgebung erdulden musste, schlägt im nächsten Absatz das Schicksal zu: „Am schlimmsten erging es mir aber, als ich in besagter Wohnung meinen ersten grippalen Infekt hatte. Plötzlich stand ich vor ganz ungeahnten Herausforderungen, so ganz ohne meine Mama: Wie schaffe ich es zur Apotheke, wenn ich kaum stehen kann? Das sind die Dinge im Leben, die einen wirklich weiterbringen.“ – Ich weiß nicht, ob ich meiner Mutter überhaupt Bescheid gesagt habe, als mich so etwas das erste Mal ereilte. Wenn, dann habe ich sie nur angerufen, „Was muss ich kaufen“, und diese Dinge eben gekauft. Wer sich selbst nicht quälen kann, dem fehlt etwas. Auch das gehört nämlich zum Erwachsenwerden.

„Ich weiß nicht, wie oft ich schon das Argument   von diversen Freundinnen gehört habe. Hallo? Anfang 30 ist ja wohl nicht alt!“ – Wenn man nur ein oder zwei Kinder kriegt, dann ja. Wenn man aber den Volksbestand erhalten will (er hat Volk gesagt), dann müssen man mindestens 3 bekommen, sonst schrumpft die Bevölkerung. Das kommt jedenfalls heraus, wenn man unfruchtbare Paare, nicht vermittelbare Singles, Behinderte (Contergan o.Ä. zählt natürlich nicht), Homosexuelle und alles, was sonst noch die Fortpflanzung einschränkt, einberechnet.
Rechnen wir mal nach: Erstes Kind mit 35, zweites mit 37/38, drittes mit 42. Wenn das Dritte Abi macht, ist die Mutter 60. Wenn das erste Kind eigene Kinder (nach demselben Prinzip) bekommt, ist die Mutter/Oma/Sie 70 (!) beim ersten Kind. Wenn das letzte Kind sein letztes Kind bekommt, ist die Oma (Sie) 84. D.h. Sie wissen nicht mal sicher, ob Sie ihr erstes Enkelkind noch erleben, geschweige denn ihr letztes. Daran ändert auch die steigende Lebenserwartung nicht viel.

Ganz am Rande: Kinder bekommen ist eine Notwendigkeit. Ohne Kinder keine Rente. Sowohl umlagengedeckt (klassische Rente in D.) als auch kapitalgedeckt (private Vorsorge). Kinder sollten zwar nicht für da Rente da sein, aber ohne Kinder ist keine Rente da.

„Bei einer Freundin führte diese Angst sogar dazu, dass sie sich irgendeinen Partner suchen wollte, nur um schnellstmöglich ein Kind zeugen zu können.“ – Volle Zustimmung. Diese hat beste Chancen auf eine Scheidung. Heiraten wegen dem Kind, egal ob schon da, unterwegs oder geplant, ist eine schlechte Idee. Das ist das andere Extrem und genauso falsch. Was ist besser Magersucht oder Fettsucht? Es ist beides falsch.

„Meiner Meinung nach kann man einem Kind mehr bieten, wenn man sich selbst ausprobiert, viel erlebt und viel gesehen hat. Dadurch ermöglicht man seinem Kind eine ganz andere Perspektive.“ – An was macht Frau Funk das fest? Denken Sie, lieber Leser doch mal in Ihre Kindheit zurück. Würden Sie einen Wandertag mit Ihrem Papi gegen ein Pony zu Weihnachten tauschen wollen? Wenn Sie recht bei Verstand sind, dann nicht. Soviel zu den monetären Dingen. Was kann dann ein Weltenbummler an nicht-käuflichen Dingen mehr bieten? Den Kindern von der Weltreise erzählen? Was ist spannender für die Kinder? Eine Weltreise mit den Eltern machen oder davon erzählt bekommen? Klar mit Kindern wird diese nicht so groß. Aber Überlegen Sie auch mal umgekehrt: Sie machen eine Weltreise mit Ihren Kindern. Würde Ihnen das nicht viel mehr Freude bereiten, als alleine?

„Warum also nicht noch ein bisschen mit dem Gebären warten?“ – Weil es mit jedem Jahr schwieriger wird. Sowohl Empfängnis als auch Geburt.

Den absoluten Oberhammer hat sich Frau Funk aber für den letzten Absatz aufgespart:
„Warum soll man unvernünftig sein, den eigenen Horizont zu erweitern, wenn man sich auch bequem hinter einem Berg voller Windeln vor der Selbstfindung verstecken kann?“
Das ist das Schlimmste an dem Artikel und an Ignoranz (sic!) und Unwissen (sic!) nicht zu überbieten. Diese Aussage ist schlicht dilettantisch.
1. Wenn man in einer Partnerschaft lebt, wird man mit sich selbst so stark konfrontiert, wie nie zuvor. In einer Ehe (die ja einen anderen, höheren Anspruch haben sollte) noch stärker. Wenn Sie wissen wollen, wer Sie sind, holen Sie sich einen Partner mit der Perspektive einer langfristigen Beziehung. Das ist leichter gesagt als getan, ich weiß.
2. Zitat meiner Mutter: „Wenn man dreimal in der Nacht aufstehen muss, lernt man sehr schnell wer man ist.“
Kinder konfrontieren einen extrem stark mit den eigenen Schwächen. Und die Konfrontation mit den eigenen Schwächen ist der wichtigste Punkt der Selbsterkenntnis.
Die Aussage ist einfach falsch. So falsch wie 1+1=3. Wenn Sie wissen wollen, wer Sie sind und was Sie wollen, legen Sie sich Kinder zu, dann merken Sie es ganz schnell.

Was ist also die Quintessenz des Bento-Artikels? Ich weiß nicht, ob diese Einstellung DER Krebs in der Gesellschaft ist, aber es zählt mindestens zu den Metastasen. Jungen Frauen wird eingeredet, dass sie irgendeinen Selbstverwirklichungsquatsch machen müssten. Es werden Reisen geplant um sich selbst zu finden, dabei geht es bei dem Thema „Wer bin ich“ um etwas anderes. Es geht vor allem um die eigenen Schwächen. Ein Selbstfindungstrip ist hässlich, sehr hässlich. Wenn er schön ist, dann macht man etwas falsch. Er ist nur im Ergebnis schön. In einem stillen, grauen Kämmerchen geht das besser als beim Whale-Watching am Strand (Urlauber) oder vor der Küste (Tiere).
Urlaub ist schön und bestimmt erstrebenswert, aber sicher nicht das Mittel der Wahl um sich selbst zu finden. Anders sieht es hingegen aus, wenn man ein Jahr im Ausland verbringt und dort den Ernst des Lebens schnuppert. Das ist eine ernstzunehmende Alternative zum grauen Kämmerlein.

Auf welcher Grundlage erlaube ich mir nun so ein Urteil? Ich bin 27 und habe gerade meinen Maschinenbaumaster abgeschlossen. Ich habe vier Geschwister, deren jüngstes 11 ist. Meine kleinste Schwester habe selbst gewickelt und auch (in Teilen) alle anderen elterlichen Pflichten übernommen außer Stillen (höhöhö). Demnach weiß ich, im Gegensatz zu Frau Funk, wie es ist Kinder zu haben (jedenfalls besser als Sie) und aber genauso wie es ist keine zu haben (Als Student mit Bier, Pizza und Aufstehen um 12).

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